Gut, das war zwanzig Jahre her, doch fast jede Nacht
holte ihn seine Erinnerung ein. Sein „traumelchisches“ Erlebnis. So nannte er
es, wenn ihn seine Arbeitskollegen fragten, ob er denn gar nicht geschlafen
hätte, so aschfahl wie er aussähe. Tatsächlich stellte er beim Blick in den
Spiegel oft einen ungesunden grünstichigen Teint fest, der ihm immer wieder
klarmachte, dass ihn die Sache ziemlich mitnahm. Ab und an musste er auch seiner
Frau Helene Rede und Antwort stehen. Es kam zwar relativ selten vor, dass sie
gemeinsam am Frühstückstisch saßen, doch stets kamen Fragen wie: „Hat dir wohl
eine Flasche Rotwein nicht gereicht gestern?“ oder „Bist du sicher, dass du
arbeiten kannst, so wie du aussiehst?“
Helene fragte jedoch nicht lange. Es
mögen so drei, dreieinhalb Jahre gewesen sein. Sie waren gleich nach der Geburt
ihres Sohnes Justin nach New York gezogen. Er wegen des Jobs und sie weil sie es
spannend fand. Es stellte sich bald heraus, dass sie Vieles aufregend fand aber
nicht das Familienleben. Zumindest nicht mit ihm. Es vergingen also keine vier
Jahre bis er aus dem Gästezimmer ihres Appartments wieder ins Schlafzimmer
umziehen konnte, da Helen, so nannte er sie, weil er Helene nicht ausstehen
konnte und ihm kein besserer „Kosenamen“ einfiel, Hals über Kopf die Koffer
packte, den Sohnemann unter den Arm klemmte und zu Larry zog.
Larry Cheatham,
ein windiger Typ, fand er. Klar hätte er jeden Typen als Windhund bezeichnet,
der mit seiner Frau abhaut, aber Larry, warum Larry?
Er brauchte lange um
darüber hinwegzukommen. Ja und er brauchte viele Drinks um Larrys Visage
runterzuspülen, die er nur schwer aus dem Kopf bekam.
In New York gab es
keine Regenwürmer—zuviel Asphalt, zuviel Beton. Der Betonkopf von Larry.
Larry war umgekippt, sein Schädel abgebrochen, Würmer krochen aus den
Nasenlöchern.
Scheiß Traum. Er lebte in dieser viel zu großen Wohnung. Seit
Jahren. Ohne Putzhilfe. Sah man gar nicht, meinte er. Er betrat die Wohnung nur
noch nachts. Er hasste es. Zuviel Platz für Träume.
Die Sache mit dem Elch
und dann Larry.
Er versuchte damals viel zu arbeiten, einfach um sich
abzulenken, einen klaren Kopf zu bekommen. Verdammt harte Zeit dachte er oft.
Selbstgemachte Traumanalyse kann nur schiefgehen. Macht mürbe und müde.
Magensaft.
Es war in der Nacht zum 23. April, das wusste er genau. Der
verfluchte Traum suchte ihn heim.
Diesmal war etwas anders als gewohnt. Er
wachte schweissgebadet auf, spuckte etwas wurmartiges aus. Die Kreatur robbte
über den fleckigen Teppichboden und flüsterte:“ Taim, denke an deine Bestimmung
!“
Ja, ja, Bestimmung. Früher sah er seine Bestimmung in der Kindererziehung
und in der Harmonie-Erzeugung, wie er es nannte, als er noch Hoffnung hatte, das
mit Helen könnte noch ein gutes Ende nehmen. Nach der Scheidung durfte er seinen
Sohn jedes zweite Wochenende sehen. Ein halbes Jahr, dann sagte die Mama, sie
würde ihren Sohn ab sofort nicht mehr einem Alkoholiker überlassen. Daraufhin
brach der Kontakt gänzlich ab.
Wie alt war Justin jetzt? 17?
Er verfolgte
die Schleimspur, die der Wurm hinterlassen hatte. Sie führte ins Nichts.
Dieses „Nichts“ bestand aus Bierdosen und einem Berg Kippen.
Ihm war am Abend
beim Versuch, sich auf dem Tisch abzustützen, um nicht umzufallen der Ascher im
hohen Bogen durch die Luft geflogen und hatte sich mit einem lauten Krachen auf
den Boden entleert.
Vergiss den Wurm sagte er zu sich. Da war nichts.
Genau so wenig wie damals mit Mandy, seiner einzigen „Affäre“ nach Helen. Mandy,
die er Judy nannte, war gross, klapperdürr und jagte sich täglich irgendwelches
Zeug in die Blutbahn.
Sie störte sich nicht an seinen Ausdünstungen, der
immer ledriger werdenden Haut. Sie fand ihren „Daddy“ nett. Er sie auch, bis sie
ihm eines Tages ne Menge Geld aus der Schublade klaute.
Er schmiss sie raus.
War nichts!
Von seinem Appartement bis zu seinem Büro waren es zehn Minuten
zu Fuss. Eigentlich ideal.
Der Weg blieb ihm seit zwei Jahren erspart. Sein
Boss meinte, er sei nicht mehr tragbar. Er sei zu oft auf der Toilette gewesen.
Der Hausmeister hätte nun schon einige Flaschen eingesammelt, die dort in
billigem Versteck sich befunden hätten.
Zum Glück hatte er einiges auf die
Hohe Kante legen können. Noch mußte er nicht aus seiner Wohnung. Noch nicht.
In lichten Momenten, die er, so sagte er sich, häufig hatte, machte er sich doch
ein wenig Sorgen um seine Zukunft. Zukunft—Bestimmung
Um sein
Lebensgefühl zu verbessern, bemühte sich Taim eine Zeit lang, wenn auch recht
verbissen, zumindest um positives Denken am Morgen bevor der neue Tag wie der
alte verlief. War ja auch nicht alles schlecht gewesen in letzter Zeit, oder?
O.k., es war gar nicht so einfach ein Highlight zu finden.
Dann aber erinnerte er sich an Rebecca, in
seinen Träumen nannte er sie Salome. Sie war so ganz anders als Helen oder
Mandy. Wie bezaubernd waren ihre großen, dunklen Augen, ihre zarte Stimme und
ihr langes schwarzbraunes Haar.
Als sie sich
das erste Mal trafen, erfuhr er von ihr, sie müsse ihn zunächst „von Hand
betrachten“, während sie ihre schlanken Finger in seinen Darm hineingleiten
ließ. Er stöhnte leise. Dann betäubte sie ihn leicht mit einer Spritze.
Genussvoll lauschte er den Klängen der Concerti Grosso einer barocken Tafelmusik
Francesco Geminianis, die Taim selbst sonntags zum Brunch bevorzugte. Taims
großer Zeh klopfte am linken Fuß beschwingt mit. Salome summte die Streicher
mit.
So
überraschend stilvoll war das alles hier! Doch viel zu früh war dieser Genuss
vorbei. Salome blickte ihn mit einem bezaubernden Lächeln an, erklärte dann aber
in sehr sachlichem Ton: „Also die Prostata – da ist alles tipptopp. Überhaupt
kein Problem.“
Hatte es ihn
zuerst verunsichert, als ihn sein Arzt an eine Urologin und nicht an einen
Urologen, überwiesen hatte, so war er nun umso dankbarer, dass ihm diese
erhebende Erfahrung vergönnt worden war. Spontan beschloss er, vielleicht öfter
vorbei zu kommen. Eben ein echtes Highlight unter sehr wenigen in seinem Leben.
Verdammt! Jetzt sollte
er langsam aufstehen. Er blinzelte zu seinem alten Radiowecker, der ein
schwaches blaues Licht im Zimmer verstreute. Die einzige Lichtquelle, die
Jalousien hatte er lange nicht mehr hochgezogen. Es war kurz vor 14 Uhr!
Die
Sonnenbrille, die er neulich im Shop erstanden hatte, und so günstig, hatte der
Verkäufer gesagt, machte ihren Job gut. So kam er ohne durch das Sonnenlicht
genervt zu werden zum nächsten U-Bahnschacht. Hier unten verbrachte er oft viele
Stunden. Aus den wenigen deutschen Zeitungen, die er aus den Papierkörben
angelte und die er von vorn bis hinten las, riss er sich Wortfetzen aus.
Die
stopfte er sich in die Jackentasche. Immer, wenn er genügend beisammen hatte,
klebte er sie auf ein DIN A4 Blatt. Inzwischen hatte er einige davon. Manchmal
las er sie sich selbst vor: „stimmu, timmun, besti, estimmu“. Er mußte grinsen.
Warum mache ich das eigentlich, dachte er.
Na, irgendeinen Sinn wird es schon
haben, sagte er sich. Er nahm sich für morgen vor, einen Schnipsel „Sinn“ zu
sammeln. Würde doch dazu passen.
Am Morgen suchte er seine Sonnenbrille. Wo
war nur das verdammte Ding. Er hatte sie doch hoffentlich nicht verloren, als
ihn die Security aus der U-Bahnstation gejagt hatte. Durch einen Spalt in der
Jalousie schielte er nach draussen. Es regnete. Der Tag war gerettet.
Als er sich in Richtung
Subway Hudson Yards aufmachte, kam er an einer riesigen Plakatwand vorbei.
Darauf war eines der wunderschönen engen Gässchen Stockholms zu sehen und es
wurde mit einem unglaublich niedrigen Preis für eine Pauschalreise ins schöne
Schweden geworben. Komisch, dachte er, war die Werbung gestern auch schon hier
zu sehen.
Grinsend brabbelte er vor
sich hin: „Die werben tatsächlich für ein Land, in dem die Elche kotzen.“
Um diese Zeit war im
„Untergrund“ relativ wenig los. Er bekam sogar einen Platz auf einer der super
unbequemen Bänke. So hier unten hockend ließ er die U-Bahnen kommen und gehen,
die in der Station Menschen ausspuckten um dann wieder welche aufzusaugen. Kurz
war er eingenickt. Als er wieder zu sich kam, machte sich das „Stockholm-Plakat“
in seinem Kopf sehr breit. Widerliche Werbewirkung. Na toll, jetzt waren seine
Gedanken erfolgreich Richtung Schweden ausgerichtet.
Es war ja auch nicht alles
schlecht, was er im Zusammenhang mit diesem Land erlebt hatte.
O.k., die Erinnerung an den
Gestank des Elchsafts verursachte auch heute noch Brechreiz, nach über dreißig
Jahren.
Aber da gab es ja auch
schöne Dinge. Damals, als er noch für die Aperture Foundation gearbeitet hatte,
sollte eine Ausstellung in Kooperation mit dem Schwedischen Nationalmuseum
organisiert werden. Seine Ansprechpartnerin war dort Sanna Svensson. Sie war ihm
schon beim ersten Telefonat sympathisch. Sanna sprach ausgezeichnet deutsch mit
einem sehr angenehmen Akzent.
Er liebte es, mit ihr zu
telefonieren.
Das Problem war, er sollte
das mit der Versicherung für die zur Verfügung gestellten Bilder klarmachen.
Bedauerlicher Weise war er ja damals schon „drauf“, kam oft zu spät zur Arbeit,
konnte nur bedingt konzentriert an seinen Aufgaben arbeiten. Und so kam es, dass
er einen wichtigen Termin mit dieser Versicherung versäumte, die Ausstellung
platzte, sein Chef etwas von Abmahnung schrie und er nie wieder mit Sanna
telefonierte.
Ja, er hatte natürlich ein
total schlechtes Gewissen. Er traute sich nicht anzurufen. Was hätte er sagen
sollen.
Er saß in „seiner“
U-Bahnstation zwischen Frust und Selbstmitleid, fragte sich, ob es nun wirklich
eines blöden Werbeplakats bedurft hatte, um sich an Sanna zu erinnern. Wie weit
war das schon mit seinem Schädel?
Heute Abend wollte er
weniger „Getränkenachschub“ organisieren.
Er spielte mit dem Gedanken,
sich ein Flugticket zu besorgen.