Historie

Die Geschichte der Stiftung geht zurück auf das Jahr 1998. Regen troff von den Bäumen, ein stürmischer Wind fegte aus Nordost als sich einer der Stiftungsgründer auf dem Weg von einem kleinen schwedischen Ferienhaus quer durch den Garten zum Plumpsklo befand. Das Klopapier flatterte heftig, strenge Gerüche waberten über den Regenwürmern, ein Elch übergab sich rülpsend an der Außenwand, seine Kost der vergangenen Tage (oder Wochen?) rann langsam unter dem Tüspalt hindurch und bedeckte alsbald den gesamten engen Raum, stank nach gärendem Elchmagensaft. Von draußen drangen erstaunliche Geräusche herein, zumal der Elch auch an Blähungen litt, als der Wunsch in jenem Stiftungsgründer heranreifte, der Kultur in unserem Dasein doch einen weitaus angemesseneren Stellenwert beizulegen.

Ja und hier kommt auch schon ein erster Querverweis auf unser Bändchen "Kultur geht durch den Magen" das voraussichtlich 2064 erscheinen wird.
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a propos
Ist es nicht bemerkenswert, dass auch im zweiten Jahrtausend der internationalen Vernetzung eine "domain" mit dem schönen Namen "Stiftung-Kultur" einfach so genau die richtigen Adressaten findet?
Dies hatte unser Stiftungsgründer selbstverständlich vorhergesehen. Allerdings träumte er schwer. Sie erinnern sich: "Wünsche flatterten über den Regenwürmer usw. usw."
Als er erwachte, bemerkte er, daß es aufgehört hatte zu regnen. Und so begab er sich, eine seltsam neue Bestimmung inne, eilig auf den Rückweg durch den aufgeweichten Garten zum Haus.

Die Suche

Gut, das war zwanzig Jahre her, doch fast jede Nacht holte ihn seine Erinnerung ein. Sein „traumelchisches“ Erlebnis. So nannte er es, wenn ihn seine Arbeitskollegen fragten, ob er denn gar nicht geschlafen hätte, so aschfahl wie er aussähe. Tatsächlich stellte er beim Blick in den Spiegel oft einen ungesunden grünstichigen Teint fest, der ihm immer wieder klarmachte, dass ihn die Sache ziemlich mitnahm. Ab und an musste er auch seiner Frau Helene Rede und Antwort stehen. Es kam zwar relativ selten vor, dass sie gemeinsam am Frühstückstisch saßen, doch stets kamen Fragen wie: „Hat dir wohl eine Flasche Rotwein nicht gereicht gestern?“ oder „Bist du sicher, dass du arbeiten kannst, so wie du aussiehst?“
Helene fragte jedoch nicht lange. Es mögen so drei, dreieinhalb Jahre gewesen sein. Sie waren gleich nach der Geburt ihres Sohnes Justin nach New York gezogen. Er wegen des Jobs und sie weil sie es spannend fand. Es stellte sich bald heraus, dass sie Vieles aufregend fand aber nicht das Familienleben. Zumindest nicht mit ihm. Es vergingen also keine vier Jahre bis er aus dem Gästezimmer ihres Appartments wieder ins Schlafzimmer umziehen konnte, da Helen, so nannte er sie, weil er Helene nicht ausstehen konnte und ihm kein besserer „Kosenamen“ einfiel, Hals über Kopf die Koffer packte, den Sohnemann unter den Arm klemmte und zu Larry zog.
Larry Cheatham, ein windiger Typ, fand er. Klar hätte er jeden Typen als Windhund bezeichnet, der mit seiner Frau abhaut, aber Larry, warum Larry?
Er brauchte lange um darüber hinwegzukommen. Ja und er brauchte viele Drinks um Larrys Visage runterzuspülen, die er nur schwer aus dem Kopf bekam.
In New York gab es keine Regenwürmer—zuviel Asphalt, zuviel Beton. Der Betonkopf von Larry.
Larry war umgekippt, sein Schädel abgebrochen, Würmer krochen aus den Nasenlöchern.
Scheiß Traum. Er lebte in dieser viel zu großen Wohnung. Seit Jahren. Ohne Putzhilfe. Sah man gar nicht, meinte er. Er betrat die Wohnung nur noch nachts. Er hasste es. Zuviel Platz für Träume.
Die Sache mit dem Elch und dann Larry.
Er versuchte damals viel zu arbeiten, einfach um sich abzulenken, einen klaren Kopf zu bekommen. Verdammt harte Zeit dachte er oft. Selbstgemachte Traumanalyse kann nur schiefgehen. Macht mürbe und müde. Magensaft.
Es war in der Nacht zum 23. April, das wusste er genau. Der verfluchte Traum suchte ihn heim.
Diesmal war etwas anders als gewohnt. Er wachte schweissgebadet auf, spuckte etwas wurmartiges aus. Die Kreatur robbte über den fleckigen Teppichboden und flüsterte:“ Taim, denke an deine Bestimmung !“
Ja, ja, Bestimmung. Früher sah er seine Bestimmung in der Kindererziehung und in der Harmonie-Erzeugung, wie er es nannte, als er noch Hoffnung hatte, das mit Helen könnte noch ein gutes Ende nehmen. Nach der Scheidung durfte er seinen Sohn jedes zweite Wochenende sehen. Ein halbes Jahr, dann sagte die Mama, sie würde ihren Sohn ab sofort nicht mehr einem Alkoholiker überlassen. Daraufhin brach der Kontakt gänzlich ab.
Wie alt war Justin jetzt? 17?
Er verfolgte die Schleimspur, die der Wurm hinterlassen hatte. Sie führte ins Nichts.
Dieses „Nichts“ bestand aus Bierdosen und einem Berg Kippen.
Ihm war am Abend beim Versuch, sich auf dem Tisch abzustützen, um nicht umzufallen der Ascher im hohen Bogen durch die Luft geflogen und hatte sich mit einem lauten Krachen auf den Boden entleert.
Vergiss den Wurm sagte er zu sich. Da war nichts.
Genau so wenig wie damals mit Mandy, seiner einzigen „Affäre“ nach Helen. Mandy, die er Judy nannte, war gross, klapperdürr und jagte sich täglich irgendwelches Zeug in die Blutbahn.
Sie störte sich nicht an seinen Ausdünstungen, der immer ledriger werdenden Haut. Sie fand ihren „Daddy“ nett. Er sie auch, bis sie ihm eines Tages ne Menge Geld aus der Schublade klaute.
Er schmiss sie raus. War nichts!
Von seinem Appartement bis zu seinem Büro waren es zehn Minuten zu Fuss. Eigentlich ideal.
Der Weg blieb ihm seit zwei Jahren erspart. Sein Boss meinte, er sei nicht mehr tragbar. Er sei zu oft auf der Toilette gewesen. Der Hausmeister hätte nun schon einige Flaschen eingesammelt, die dort in billigem Versteck sich befunden hätten.
Zum Glück hatte er einiges auf die Hohe Kante legen können. Noch mußte er nicht aus seiner Wohnung. Noch nicht.
In lichten Momenten, die er, so sagte er sich, häufig hatte, machte er sich doch ein wenig Sorgen um seine Zukunft. Zukunft—Bestimmung

Um sein Lebensgefühl zu verbessern, bemühte sich Taim eine Zeit lang, wenn auch recht verbissen, zumindest um positives Denken am Morgen bevor der neue Tag wie der alte verlief. War ja auch nicht alles schlecht gewesen in letzter Zeit, oder? O.k., es war gar nicht so einfach ein Highlight zu finden.

Dann aber erinnerte er sich an Rebecca, in seinen Träumen nannte er sie Salome. Sie war so ganz anders als Helen oder Mandy. Wie bezaubernd waren ihre großen, dunklen Augen, ihre zarte Stimme und ihr langes schwarzbraunes Haar.

Als sie sich das erste Mal trafen, erfuhr er von ihr, sie müsse ihn zunächst „von Hand betrachten“, während sie ihre schlanken Finger in seinen Darm hineingleiten ließ. Er stöhnte leise. Dann betäubte sie ihn leicht mit einer Spritze. Genussvoll lauschte er den Klängen der Concerti Grosso einer barocken Tafelmusik Francesco Geminianis, die Taim selbst sonntags zum Brunch bevorzugte. Taims großer Zeh klopfte am linken Fuß beschwingt mit. Salome summte die Streicher mit.

So überraschend stilvoll war das alles hier! Doch viel zu früh war dieser Genuss vorbei. Salome blickte ihn mit einem bezaubernden Lächeln an, erklärte dann aber in sehr sachlichem Ton: „Also die Prostata – da ist alles tipptopp. Überhaupt kein Problem.“

Hatte es ihn zuerst verunsichert, als ihn sein Arzt an eine Urologin und nicht an einen Urologen, überwiesen hatte, so war er nun umso dankbarer, dass ihm diese erhebende Erfahrung vergönnt worden war. Spontan beschloss er, vielleicht öfter vorbei zu kommen. Eben ein echtes Highlight unter sehr wenigen in seinem Leben.


Verdammt! Jetzt sollte er langsam aufstehen. Er blinzelte zu seinem alten Radiowecker, der ein schwaches blaues Licht im Zimmer verstreute. Die einzige Lichtquelle, die Jalousien hatte er lange nicht mehr hochgezogen. Es war kurz vor 14 Uhr!
Die Sonnenbrille, die er neulich im Shop erstanden hatte, und so günstig, hatte der Verkäufer gesagt, machte ihren Job gut. So kam er ohne durch das Sonnenlicht genervt zu werden zum nächsten U-Bahnschacht. Hier unten verbrachte er oft viele Stunden. Aus den wenigen deutschen Zeitungen, die er aus den Papierkörben angelte und die er von vorn bis hinten las, riss er sich Wortfetzen aus.
Die stopfte er sich in die Jackentasche. Immer, wenn er genügend beisammen hatte, klebte er sie auf ein DIN A4 Blatt. Inzwischen hatte er einige davon. Manchmal las er sie sich selbst vor: „stimmu, timmun, besti, estimmu“. Er mußte grinsen. Warum mache ich das eigentlich, dachte er.
Na, irgendeinen Sinn wird es schon haben, sagte er sich. Er nahm sich für morgen vor, einen Schnipsel „Sinn“ zu sammeln. Würde doch dazu passen.
Am Morgen suchte er seine Sonnenbrille. Wo war nur das verdammte Ding. Er hatte sie doch hoffentlich nicht verloren, als ihn die Security aus der U-Bahnstation gejagt hatte. Durch einen Spalt in der Jalousie schielte er nach draussen. Es regnete. Der Tag war gerettet.

Als er sich in Richtung Subway Hudson Yards aufmachte, kam er an einer riesigen Plakatwand vorbei. Darauf war eines der wunderschönen engen Gässchen Stockholms zu sehen und es wurde mit einem unglaublich niedrigen Preis für eine Pauschalreise ins schöne Schweden geworben. Komisch, dachte er, war die Werbung gestern auch schon hier zu sehen.

Grinsend brabbelte er vor sich hin: „Die werben tatsächlich für ein Land, in dem die Elche kotzen.“

Um diese Zeit war im „Untergrund“ relativ wenig los. Er bekam sogar einen Platz auf einer der super unbequemen Bänke. So hier unten hockend ließ er die U-Bahnen kommen und gehen, die in der Station Menschen ausspuckten um dann wieder welche aufzusaugen. Kurz war er eingenickt. Als er wieder zu sich kam, machte sich das „Stockholm-Plakat“ in seinem Kopf sehr breit. Widerliche Werbewirkung. Na toll, jetzt waren seine Gedanken erfolgreich Richtung Schweden ausgerichtet.

Es war ja auch nicht alles schlecht, was er im Zusammenhang mit diesem Land erlebt hatte.

O.k., die Erinnerung an den Gestank des Elchsafts verursachte auch heute noch Brechreiz, nach über dreißig Jahren.

Aber da gab es ja auch schöne Dinge. Damals, als er noch für die Aperture Foundation gearbeitet hatte, sollte eine Ausstellung in Kooperation mit dem Schwedischen Nationalmuseum organisiert werden. Seine Ansprechpartnerin war dort Sanna Svensson. Sie war ihm schon beim ersten Telefonat sympathisch. Sanna sprach ausgezeichnet deutsch mit einem sehr angenehmen Akzent.

Er liebte es, mit ihr zu telefonieren.

Das Problem war, er sollte das mit der Versicherung für die zur Verfügung gestellten Bilder klarmachen. Bedauerlicher Weise war er ja damals schon „drauf“, kam oft zu spät zur Arbeit, konnte nur bedingt konzentriert an seinen Aufgaben arbeiten. Und so kam es, dass er einen wichtigen Termin mit dieser Versicherung versäumte, die Ausstellung platzte, sein Chef etwas von Abmahnung schrie und er nie wieder mit Sanna telefonierte.

Ja, er hatte natürlich ein total schlechtes Gewissen. Er traute sich nicht anzurufen. Was hätte er sagen sollen.

Er saß in „seiner“ U-Bahnstation zwischen Frust und Selbstmitleid, fragte sich, ob es nun wirklich eines blöden Werbeplakats bedurft hatte, um sich an Sanna zu erinnern. Wie weit war das schon mit seinem Schädel?

Heute Abend wollte er weniger „Getränkenachschub“ organisieren.

Er spielte mit dem Gedanken, sich ein Flugticket zu besorgen.